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1. August 2019 - Festansprache von Wim Ouboter

Lieber Herr Gemeindepräsident
Liebe Küsnachterinnen und liebe Küsnachter
Liebe Gäste

Auf dem höchsten Punkt von Küsnacht begrüsse ich Sie recht herzlich zu den 1. August-Feierlichkeiten. Es ist für mich eine grosse Ehre, in Küsnacht die Festansprache halten zu dürfen. Glauben Sie mir, als Legastheniker habe ich diese Herausforderung nicht wirklich gesucht. Aber unser lieber Gemeindepräsident hat nicht locker gelassen.

Nun hoffe ich, einige Episoden und Tipps aus meiner Erfahrung als Unternehmer weitergeben zu können, welche vielleicht zu mehr visionärem Handeln und mehr Abenteuerlust anregen können.

Heute gedenken wir der Gründung der Alten Eidgenossenschaft im Jahre 1291. Dieser Verbund war zur damaligen Zeit sicher sehr visionär und heute schauen auch einige EU-Parlamentarier mit Respekt auf die Schweiz. Er gilt auch heute noch als gutes Beispiel für eine Verbündung von verschiedenen Interessenvertretern und legte den Grundstein für unseren Wohlstand. Auch in Zukunft brauchen wir mutige Entscheide, um die grossen Probleme gemeinsam lösen zu können.

Nun möchte ich kurz den Hintergrund zu meiner langjährigen Beziehung zum wunderschönen Küsnacht erzählen:

Meine Eltern wohnten beide als Jugendliche an der Schiedhaldenstrasse. Zwischen ihren Häusern war der Bauernhof der Familie Ernst. Er gehörte dem Urgrossvater von unserem Gemeindepräsidenten. Um die Geschichte abzukürzen und gleich auf den Punkt zu bringen, nehme ich das alte Sprichwort: "Heirate über den Mist, dann weisst du, wer sie ist!"

Da es damals noch kein Internet und keine SMS gab, musste mein Grossvater meinen Eltern etwas nachhelfen, um den ersten Kontakt herzustellen. Danach wurde bald geheiratet. Einige Jahre später, 1960, kam ich in Küsnacht an der Bahnhofstrasse 10 zur Welt. Räumlich gesehen habe ich es nicht sehr weit gebracht. Nach bald 60 Jahren sitze ich immer noch in meinem ehemaligen Kinderzimmer, wo seit 38 Jahren mein Büro ist. Immer noch zur Miete, in der gleichen Wohnung, damit breche ich vermutlich den Mieterrekord in Küsnacht.

Meine Firma Micro Mobility Systems AG hat gerade dieses Jahr den Mietvertrag um weitere 10 Jahre verlängert. Somit bleiben wir Küsnacht noch ein Weilchen erhalten.

Als Küsnachter Unternehmer möchte ich einige Episoden aus meiner spannenden und lehrreichen Zeit erzählen. Vor über 20 Jahren hatte ich die Vision für die urbane Micro Mobilität und ein erstes Minitrotti als Prototypen. Voller Stolz zeigte ich meine Vision meinen Freunden, die aber von der Idee nicht sonderlich begeistert waren. So verlor ich den Mut und mein erstes Micro Trotti verstaubte in einer Sammelgarage. Als meine Nachbarskinder in der Tiefgarage das Mini Trotti entdeckten, war es die Attraktion im Quartier.

Ohne meine Frau Janine würde es heute das Micro Trotti oder Kickboard nicht geben. Sie hat mich ermutigt, es trotz Abraten meiner Freunde zu realisieren. Ohne ihre Unterstützung hätte ich den Mut nicht gehabt, ein solch kleines Fahrzeug auf den Markt zu bringen. Und damit begann auch eine lange Reise mit vielen Hochs und Tiefs.

Geplant war, den Microscooter im Kofferraum des Smart zu integrieren, als Gefährt für die "letzte Meile". Smart war damals kurz vor der Markteinführung und sie waren begeistert von meiner Idee. Mein Trotti passte perfekt zu ihrem Werbeslogan: "Reduce to the max!"

Leider kam dann der berüchtigte Elchtest, Smart wurde in der Folge an Mercedes verkauft. Niemand interessierte sich noch für meinen Micro Scooter. So blieb ich erst einmal ohne einen potentiellen Partner auf mich alleine gestellt. Heute habe ich etwas mehr Verständnis für Firmen, die kleine Autos bauen. Auch wenn diese noch so klein sind, die Herausforderungen sind sehr gross. Aber dazu komme ich später!

Weder in der Schweiz noch in Europa fand sich ein Hersteller für meine Scooter und Kickboards und so landete ich am Ende in China, wo auch die meisten Fahrräder und deren Komponenten produziert werden. Ursprünglich hatte unser Lieferant in China 500 Mitarbeiter, in weniger als 1,5 Jahren musste er auf 15'000 Mitarbeiter hochfahren, weil wir mit unseren Fahrzeugen einen weltweiten Boom auslösten.

In drei Fabriken wurden täglich 80'000 Micro Scooter und Kickboards für den Weltmarkt hergestellt. Das sind pro Tag 20 grosse 40-Fuss-Container. In China hatte damals eine Arbeitswoche noch 7 Tage…

Ein so erfolgreiches Produkt bleibt in China nicht unbeachtet. Schon bald kamen unzählige Chinesen auf die Idee, ein Mini Trottinett noch günstiger herzustellen und zu vermarkten. Zuerst war ich erschrocken über die Kopierbereitschaft der Chinesen. Aber in Asien kopiert zu werden ist eine grosse Ehre, denn das Wort "Geistiges Eigentum" war damals in China eher ein Fremdwort. Es folgte eine nicht ganz einfache Zeit. Der Markt wurde mit Billigscootern von schlechter Qualität überschwemmt. Um mein Team bei Laune zu halten haben wir neue Produkte entwickelt und viel Geld in Innovation gesteckt.

Die Schweiz war übrigens das erste Land, welches auf den Boom der Micro Trotti positiv reagierte. Bereits im 2001 wurde im Strassenverkehrsgesetz eine neue Klasse von Fahrzeugen eingeführt: FÄG stand für Fahrzeugähnliche Geräte.

Bei den Österreichern und Italienern hat die Anpassung der Gesetze wesentlich länger gedauert. Erst seit dem letzten Jahr ist es erlaubt, mit normalen, nicht motorisierten Tretrollern auf der Strasse oder dem Trottoir zu fahren. Einmal mehr war die Schweiz klarer Vorreiter. Die Schweiz ist und bleibt ein gutes Beispiel für die EU, auch noch nach über 700 Jahren! Für alle, welche schon die vielen elektrischen Scooter von USA bis Europa gesehen haben oder gar gefahren sind: am weltweiten Boom sind wir nicht ganz unschuldig.

Was uns aber weniger gefällt ist das Geschäftsmodell dieser Miet-Trotti-Anbieter. In den USA ist die durchschnittliche Lebensdauer der Mietscooter nur 29 Tage. Sie sind daher nicht nachhaltig, keine Augenweide und für nicht ortskundige Touristen auch eine gewisse Gefahr. Wir vertreten die Meinung, dass ein persönlicher Scooter viel nachhaltiger ist. Gerade wegen dem geringen Gewicht und der Faltbarkeit kann dieser einfach in die Wohnung, ins Büro, mit dem ÖV oder im Auto mitgenommen werden und muss nicht auf dem Trottoir parkiert werden. Das ist unsere Vision der portablen Mobilität. Es gibt uns zumindest das gute Gefühl, schon im 1999 mit unserer Vision richtig gelegen zu sein. Wir waren einfach der Zeit voraus.

Und so glaube ich auch, dass wir mit unserer Idee des Mini Autos - Microlino - wieder Trendsetter sein werden. Es geht in Zukunft nicht nur darum, bestehende Autos elektrisch zu machen, sondern einen Gegenpol zu den grossen und schweren SUVs zu bilden. Autos in den Innenstädten müssen endlich wieder leichter und platzsparender werden!

Wie immer im Unternehmertum gibt es auch Rückschläge. Einen solchen mussten wir beim Microlino Projekt verkraften. Ohne unser Wissen hat unser Joint Venture Partner seine Firma einem deutschen Industriellen verkauft. Der nun eine Microlino-Kopie namens Karolino auf den Markt bringen will. Noch dreister wird die Sache, da er uns seit über einem Jahr die ersten Microlino Serienfahrzeuge nicht ausliefern will. Weil er diese nun zur Markteinführung seines Karolino verwenden will. Da fällt mir nur das Wort Raubrittertum ein.

Im Moment haben die Gerichte zu entscheiden, dass ein solches Vorgehen einfach unlauter ist. Wir lassen uns den Mut nicht nehmen und sind daran, einen neuen Hersteller zu finden. Leider ist alles mit Verzögerungen und kostspieligen Rechtsstreitigkeiten verbunden. Unsere Vision von kleinen, platzsparenden Autos bleibt aber unangefochten. Denn der Zeitpunkt könnte nicht besser sein."Fridays for Future" hat uns allen den Spiegel hingehalten und den Warnfinger gezeigt: es ist höchste Zeit zu handeln. Wir wollen aus Küsnacht einen Beitrag zur Lösung dieser weltweiten Problematik leisten.

Trotz dem kürzlichen Rückschritt im Microlino-Projekt ist für mich die Rechnung bereits aufgegangen. Meine beiden Söhne, Oliver und Merlin, konnte ich für die Nachfolge motivieren. Seit Beginn schon leiten sie das Microlino-Projekt. Was gibt es Schöneres für einen Unternehmer, als seine Vision den Kindern weitergeben zu können und mit ihnen weiter zu gestalten. Denn die Zukunft der Schweiz liegt bald in den Händen der nächsten Generation. Diese müssen früh mitbestimmen können. Dazu braucht es auch Vertrauen, nebst einer gehörigen Portion Motivation und Passion.

Mit bald 60 Jahren ist es auch an der Zeit, zurück zu blicken und Dankbarkeit und Demut zu zeigen. Wir leben in der Schweiz in einem Paradies und sind vielen Ländern überlegen. Diese Chance gilt es zu nutzen, damit die nächsten Generationen in einigen Jahren das gleiche sagen können wie wir heute: Wir sind stolz auf diese Schweiz!

Aus diesem Grund fordere ich alle auf, etwas langfristiger zu denken und Visionen für die Zukunft zu entwickeln. Gestalten wir die Zukunft gemeinsam und bleiben offen für Veränderung. Denn nichts ist stetiger als der Wandel.

Nun möchte ich mit meinem Lieblingszitat von Bill Gates einen letzten Gedankenanstoss vermitteln. Übersetzt sagte er: "Menschen überschätzen, was sie in einem Jahr erreichen, aber sie unterschätzen, was sie in 10 Jahren erzielen können."

Daher mein Appell an Sie: Wir sollten alle etwas langfristiger denken und handeln! Bitte planen und visionieren Sie nachhaltig!

Dieses Jahr feiern wir mit der Firma Micro unser 20-jähriges Jubiläum. In den wildesten Träumen hätte ich nie daran gedacht, was aus einer "Furzidee" in 20 Jahren entstehen könnte. Mittlerweile sind wir gegen 40 Mitarbeiter, verteilt an drei Orten in Küsnacht. Wir sind mit unseren Vertriebspartnern in über 80 Ländern tätig. Als kleine Familienfirma gelten wir weltweit als "Hidden Champion", worauf alle unsere Mitarbeiter stolz sein können.

Küsnacht bietet uns viel Lebensqualität, der See, das schöne Küsnachter Tobel, die Nähe zur Stadt, und auch hier oben auf der Forch lässt es sich gut verweilen. Wir wünschen uns, noch lange in Küsnacht bleiben zu dürfen, und von hier aus die urbane Mobilität weltweit verändern zu können.

Wir müssen jetzt handeln, damit uns die nächste Generation keine Vorwürfe machen kann.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen schönen Nationalfeiertag und bedanke mich herzlich für Ihre Aufmerksamkeit. Ich wünsche allen ein wunderbares Schweizer Geburtstagsfest!

Wim Ouboter
Pionier und Unternehmer, Micro Mobility Systems AG